Ist Marte Meo nur für Kinder geeignet? Nein! 5 Beispiele, die Methode auch bei Erwachsenen anzuwenden

Das Wichtigste in Kürze

Viele denken bei Marte Meo zuerst an Kinder. Doch die Methode hilft Menschen in jedem Alter zu unterstützen.

Marte Meo ist eine videobasierte Beratungs- und Schulungsmethode.
Mit kurzen Filmsequenzen aus Alltagssituationen arbeiten Fachpersonen Schritt für Schritt:

  • Sie analysieren, wie Menschen im Alltag miteinander interagieren.
  • Sie entdecken vorhandene Ressourcen in der Interaktion.
  • Sie zeigen konkret, was Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt.
  • Sie vermitteln, wie Erwachsene im Alltag passend unterstützt werden können.

Die folgenden Beispiele aus Pflege und Betreuung zeigen, wie kleine Veränderungen in der Interaktion den Alltag erleichtern und mehr Orientierung und Lebensqualität ermöglichen.

Was ist Marte Meo eigentlich?

Marte Meo bedeutet sinngemäss «aus eigener Kraft». Die videobasierte Methode wurde in den 70er-Jahren von Maria Aarts in den Niederlanden entwickelt.

Im Zentrum steht die Frage:
Was hilft Menschen, sich gut zu entwickeln – und wie können wir sie im Alltag dabei unterstützen?

Frau wird unterstützt beim Zähne putzen und lacht

Dafür werden kurze Videoaufnahmen aus Alltagssituationen genutzt. In diesen Sequenzen wird sichtbar, welche kleinen Momente gelingender Interaktion bereits vorhanden sind und wie sie mit Hilfe der Marte Meo Elemente weiter ausgebaut werden können.

Die daraus gewonnenen Informationen werden in Beratungen, für Teaminputs oder Weiterbildungen genutzt.

Warum bei Marte Meo viele zuerst an Kinder denken

Viele verbinden Marte Meo mit der Arbeit mit Kindern. Das hat historische Gründe:

  • Die Methode wurde ursprünglich entwickelt, um Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu unterstützen.
  • Durch einfache, verständliche Informationen und eine ressourcenorientierte Grundhaltung verbreitete sie sich schnell – besonders in Elternberatung, Frühförderung und Pädagogik.
  • Darum findet man bis heute viele Beispiele und Fachliteratur aus dem Kinderbereich.

Der Kern der Methode ist jedoch nicht an ein Alter gebunden.

Überall, wo Menschen miteinander in Beziehung stehen, kann Marte Meo helfen, sich verständlicher auszudrücken und unterstützend zu reagieren.

Genau deshalb lässt sich die Methode auch in der Arbeit mit Erwachsenen sinnvoll einsetzen.

So funktioniert Marte Meo bei Erwachsenen

Marte Meo wird in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit Erwachsenen eingesetzt.

Die folgenden Beispiele stammen aus Pflege und Betreuung. Die Grundidee bleibt gleich: Es geht darum, Interaktionen im Alltag so zu gestalten, dass sie unterstützend wirken.

Beratung mit Claudia Berther

Beratung nach Marte Meo

  • Kurze Filmaufnahme (ca. 5 Minuten) aus einer Alltagssituation
  • Analyse mit Blick auf Bedürfnisse, Ressourcen und Marte-Meo-Elemente
  • Konkrete nächste Schritte für den Alltag werden besprochen
  • Das Neue wird im Alltag ausprobiert und geübt
  • Eine weitere Filmaufnahme zeigt, was sich im Alltag verändert hat und welcher nächste Schritt hilfreich sein könnte

Während bei Kindern Entwicklungsschritte im Vordergrund stehen, geht es bei Erwachsenen oft um Orientierung, Sicherheit und den Erhalt vorhandener Fähigkeiten.

Die Übersicht fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen, ohne alle Aspekte vollständig abzubilden.

AspekteKinderErwachsene
ZielEntwicklung gezielt fördernFähigkeiten erhalten, stabilisieren oder wieder zugänglich machen
Fokus der AnalyseNächste Entwicklungsschritte erkennenBedürfnisse und Ressourcen erkennen
WirkungSprachliche, sozial-emotionale und alltagspraktische KompetenzentwicklungWortschatz, Selbständigkeit, Orientierung und Kooperation erhalten
LebensqualitätSich ausdrücken, mit anderen spielen, in der Schule zurechtkommen und Freundschaften aufbauenSich verständigen, im Alltag möglichst selbständig bleiben, mitentscheiden und soziale Kontakte pflegen

Die folgenden fünf Beispiele geben einen Einblick,

wie Marte Meo im Alltag mit Erwachsenen konkret eingesetzt werden kann.

Beispiel 1: Marte Meo bei Menschen mit Demenz

Situation

Bei Menschen mit Demenz entscheidet oft ein kleiner Moment darüber, ob Kooperation gelingt – oder Widerstand entsteht.

Beispiel

„Wollen Sie sich ausziehen und duschen?“

Viele Menschen mit Demenz reagieren hier mit einem klaren Nein.

Nicht aus Trotz, sondern weil sie die Frage nicht einordnen können. Für sie bleibt unklar, was jetzt passieren soll und was von ihnen erwartet wird.

Camera Camera

Was im Film sichtbar wird

In Videoaufnahmen zeigt sich oft ein verlorener Blick oder ein Zögern.

Ein Hinweis darauf, dass Orientierung fehlt.

Marte Meo Unterstützung

Drei hilfreiche einfache Anpassungen:

  • zuerst Anschluss herstellen
  • Keine Fragen stellen sondern Schritt-für-Schritt benennen
  • Tempo anpassen

Zum Beispiel:
“Frau S, ich begleite Sie ins Badezimmer. Hier können Sie sich setzen. Jetzt können Sie aus diesem Ärmel schlüpfen.“

Wirkung
Wird zuerst Anschluss hergestellt und werden die nächsten Schritte klar benannt, können Menschen besser kooperieren – und leisten weniger Widerstand.

Beispiel 2: Marte Meo in der ambulanten Pflege

Situation

In der ambulanten Pflege arbeiten Fachpersonen oft allein und wechseln. Abläufe werden unterschiedlich erklärt oder durchgeführt. Das kann verunsichern.

Beispiel

Eine Klientin mit Multipler Sklerose und schwerer Osteoporose hatte grosse Angst vor dem Transfer vom Bett in den Rollstuhl.

Frühere Knochenbrüche verstärkten diese Unsicherheit.

Gleichzeitig reagierte sie auf hektische Bewegungen mit Spasmen.

Camera Camera

Was im Film sichtbar wird

Der Transfer wurde gefilmt und Schritt für Schritt analysiert.

Dabei wurde deutlich, welche Informationen der Klientin Orientierung geben und in welchem Tempo gearbeitet werden sollte.

Marte-Meo-Unterstützung
Aus der Analyse entstand eine kurze visuelle Schritt-für-Schritt-Anleitung:

  • Was geschieht als Nächstes?
  • Welche Information braucht die Klientin?
  • Wie wird der nächste Schritt angekündigt?

Der dreiminütige Film konnte vor Einsätzen angeschaut werden und machte das Vorgehen für alle Mitarbeitenden verständlich.

Wirkung
Die Klientin fühlte sich sicherer. Auch die einzelnen Mitarbeitenden wussten klarer, wie der Transfer gelingen kann.

Frau im Rollstuhl die lächelt_Spitex

Beispiel 3: Marte Meo in der Begleitung von Menschen mit Behinderung

Situation

Menschen mit schweren Behinderungen können Bedürfnisse oft nicht mit Worten ausdrücken. Kleine Signale zu erkennen ist daher zentral.

Beispiel

Ein Mann mit Mehrfachbehinderung, der nicht sprechen kann, bekommt das Essen eingegeben.

Während des Essens berührt er scheinbar beiläufig den Arm der Betreuerin.

Camera Camera

Was im Film sichtbar wird

In der Analyse zeigt sich:
Diese Berührung ist kein Zufall, sondern ein Signal.

Marte-Meo-Unterstützung
Beim nächsten Essen reagiert die Betreuerin darauf. Sie benennt die Berührung und wartet mit dem nächsten Löffel, bis er ihr erneut das Zeichen gibt.

Wirkung
Der Mann bestimmt nun das Tempo des Essens selbst. Im Folgefilm ist zu sehen, wie er mit Unterstützung den Löffel mit zum Mund führt. Kleine Anpassungen ermöglichen mehr Selbstbestimmung.
Marte Meo hilft sichtbar zu machen, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind – auch wenn sie zunächst kaum erkennbar sind.

Beispiel 4: Marte Meo Menschen im Autismus-Spektrum im Akutspital

Situation

Ein Akutspital bedeutet viele Reize: neue Räume, viele Stimmen, wechselnde Fachpersonen und unerwartete Abläufe. Für Menschen im Autismus-Spektrum kann diese Reizfülle schnell zu Überforderung führen.

Beispiel

Während eine Pflegefachperson die Blutentnahme vorbereitet, kommt eine Kollegin ins Zimmer und das Telefon klingelt. Der Patient beginnt schneller zu atmen und klopft mit den Fingern auf das Bett.

Camera Camera

Genaues Beobachten

Auf mögliche Zeichen von Überforderung achten:
schnelles Atmen, wippen, mit den Händen flattern, mit den Fingern klopfen, Gegenstände drehen, sich die Ohren zuhalten, blockiert wirken, weinen, starke Verzweiflung zeigen oder plötzlich ganz still werden.

Marte Meo Unterstützung
Hilfreich sind klare und strukturierende Elemente:

  • Abläufe frühzeitig erklären
  • Klar sagen, was als nächstes geschieht
  • kurze, konkrete Sätze verwenden
  • Informationen Schritt für Schritt geben
  • Reize möglichst reduzieren

Wirkung
Klare Kommunikation und strukturierte Abläufe reduzieren Stress, verhindern Eskalationen und schaffen mehr Sicherheit für Patient:innen und Behandlungsteam.

Beispiel 5: Marte Meo in der Palliative Care

Situation

In der Palliative Care geht es nicht um Heilung, sondern um Lebensqualität, Symptomlinderung und Würde.

Beispiel

Als wir als Familie meinen Vater in seiner letzten Lebensphase begleiteten, spürte ich selbst, wie hilfreich für mich Marte Meo ist – als Haltung und als Orientierung.

Camera Camera

Genaues Beobachten

Auch in schwierigen Situationen lassen sich kleine Momente erkennen, die Verbundenheit und Orientierung ermöglichen.

Marte-Meo-Unterstützung
Der Leitsatz von Maria Aarts begleitete mich besonders:
„Die Probleme sind gross genug – doch wo sind noch Möglichkeiten für gute Momente?“

Im Alltag bedeutete das für mich zu schauen:

  • Bei welchen Themen kann mein Vater noch mitreden?
  • Was gibt ihm Geborgenheit?
  • Was bringt ein Lächeln in sein Gesicht?

Wirkung
Gerade in dieser Lebensphase zeigt sich für mich der Kern von Marte Meo: bewusst Raum für gute Momente schaffen – bis zum Schluss.

Grenzen von Marte Meo

Marte Meo kann in vielen Bereichen als unterstützende Grundhaltung genutzt werden. Grenzen zeigen sich vor allem dort, wo mit Video gearbeitet wird.

  • Einverständnis und Datenschutz: Filmen ist nur möglich, wenn alle Beteiligten zustimmen.
  • Würde der begleiteten Person: Gefilmt werden nur unterstützende Alltagssituationen. Belastende Situationen gehören nicht vor die Kamera.
  • Unsicherheit vor der Kamera: Manche Menschen haben Angst, bewertet zu werden. Diese Sorge muss ernst genommen werden.
  • Wenn Filmen nicht möglich ist: Informationen können zwar mit Beispielvideos vermittelt werden, die Analyse der eigenen Interaktion fehlt dann jedoch.
  • Nicht jede Schwierigkeit lässt sich damit lösen: Medizinische, strukturelle oder organisatorische Probleme brauchen andere oder zusätzliche Lösungen.

Marte Meo macht sichtbar: Entwicklung, Würde und gelingende Beziehung entstehen in kleinen Momenten des Alltags – unabhängig vom Alter. Und wer damit arbeitet, merkt: Ich kann im Alltag wirklich etwas bewirken.

Nein. Auch wenn die Methode ursprünglich in der Elternarbeit bekannt wurde, ist ihr Kern altersunabhängig. Überall dort, wo Menschen in Beziehung stehen, kann Marte Meo unterstützend wirken – unabhängig vom Lebensalter.

Typische Einsatzfelder sind Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflege und Begleitung von Menschen mit Behinderung. Grundsätzlich ist die Methode aber in allen Kontexten möglich, in denen Kommunikation und Interaktion eine zentrale Rolle spielen.

Durch kurze Sequenzen aus dem Alltag werden gelingende Momente sichtbar. Fachpersonen oder Angehörige erkennen, welche Informationen Orientierung geben, welches Tempo passend ist und wie Selbstwirksamkeit unterstützt werden kann. Das schafft Sicherheit – für betreute Personen für Fachpersonen und die Angehörigen.

Die Methode arbeitet idealerweise mit Video, da dadurch konkrete Interaktionen analysiert werden können. Wenn Filmen nicht möglich ist, können Inhalte auch anhand von Beispielvideos vermittelt werden – die individuelle Analyse der eigenen Situation entfällt dann jedoch.

Ja. Videoaufnahmen setzen Einverständnis und sorgfältigen Datenschutz voraus. Belastende oder würdeverletzende Situationen werden nicht gefilmt. Zudem ersetzt Marte Meo keine medizinischen oder strukturellen Lösungen, sondern ergänzt sie auf der Beziehungsebene.

Claudia Berther ist licensed Marte Meo Supervisor und Ausbilderin mit eidgenössischem Fachausweis.

Seit 2006 bietet sie Marte Meo Aus- und Weiterbildungen in allen Stufen für Fachpersonen aus Pädagogik, Sozialem und Pflege an.

Sie ist selbst diplomierte Pflegefachfrau und Co-Autorin eines Fachbuchs zur Marte Meo Methode, erschienen im Hogrefe Verlag. Auf diesem Blog gibt sie Tipps zur gelungenen visuellen Kommunikation im Berufsalltag.

Claudia Berther am Schulen
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