Situation
Bei Menschen mit Demenz entscheidet oft ein kleiner Moment darüber, ob Kooperation gelingt – oder Widerstand entsteht.
Das Wichtigste in Kürze
Viele denken bei Marte Meo zuerst an Kinder. Doch die Methode hilft Menschen in jedem Alter zu unterstützen.
Marte Meo ist eine videobasierte Beratungs- und Schulungsmethode.
Mit kurzen Filmsequenzen aus Alltagssituationen arbeiten Fachpersonen Schritt für Schritt:
Die folgenden Beispiele aus Pflege und Betreuung zeigen, wie kleine Veränderungen in der Interaktion den Alltag erleichtern und mehr Orientierung und Lebensqualität ermöglichen.
Marte Meo bedeutet sinngemäss «aus eigener Kraft». Die videobasierte Methode wurde in den 70er-Jahren von Maria Aarts in den Niederlanden entwickelt.
Im Zentrum steht die Frage:
Was hilft Menschen, sich gut zu entwickeln – und wie können wir sie im Alltag dabei unterstützen?
Dafür werden kurze Videoaufnahmen aus Alltagssituationen genutzt. In diesen Sequenzen wird sichtbar, welche kleinen Momente gelingender Interaktion bereits vorhanden sind und wie sie mit Hilfe der Marte Meo Elemente weiter ausgebaut werden können.
Die daraus gewonnenen Informationen werden in Beratungen, für Teaminputs oder Weiterbildungen genutzt.
Viele verbinden Marte Meo mit der Arbeit mit Kindern. Das hat historische Gründe:
Der Kern der Methode ist jedoch nicht an ein Alter gebunden.
Genau deshalb lässt sich die Methode auch in der Arbeit mit Erwachsenen sinnvoll einsetzen.
Marte Meo wird in unterschiedlichen Arbeitsfeldern mit Erwachsenen eingesetzt.
Die folgenden Beispiele stammen aus Pflege und Betreuung. Die Grundidee bleibt gleich: Es geht darum, Interaktionen im Alltag so zu gestalten, dass sie unterstützend wirken.
Beratung nach Marte Meo
Während bei Kindern Entwicklungsschritte im Vordergrund stehen, geht es bei Erwachsenen oft um Orientierung, Sicherheit und den Erhalt vorhandener Fähigkeiten.
Die Übersicht fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen, ohne alle Aspekte vollständig abzubilden.
| Aspekte | Kinder | Erwachsene |
|---|---|---|
| Ziel | Entwicklung gezielt fördern | Fähigkeiten erhalten, stabilisieren oder wieder zugänglich machen |
| Fokus der Analyse | Nächste Entwicklungsschritte erkennen | Bedürfnisse und Ressourcen erkennen |
| Wirkung | Sprachliche, sozial-emotionale und alltagspraktische Kompetenzentwicklung | Wortschatz, Selbständigkeit, Orientierung und Kooperation erhalten |
| Lebensqualität | Sich ausdrücken, mit anderen spielen, in der Schule zurechtkommen und Freundschaften aufbauen | Sich verständigen, im Alltag möglichst selbständig bleiben, mitentscheiden und soziale Kontakte pflegen |
Die folgenden fünf Beispiele geben einen Einblick,
wie Marte Meo im Alltag mit Erwachsenen konkret eingesetzt werden kann.
Bei Menschen mit Demenz entscheidet oft ein kleiner Moment darüber, ob Kooperation gelingt – oder Widerstand entsteht.
„Wollen Sie sich ausziehen und duschen?“
Viele Menschen mit Demenz reagieren hier mit einem klaren Nein.
Nicht aus Trotz, sondern weil sie die Frage nicht einordnen können. Für sie bleibt unklar, was jetzt passieren soll und was von ihnen erwartet wird.
In Videoaufnahmen zeigt sich oft ein verlorener Blick oder ein Zögern.
Ein Hinweis darauf, dass Orientierung fehlt.
Marte Meo Unterstützung
Drei hilfreiche einfache Anpassungen:
Zum Beispiel:
“Frau S, ich begleite Sie ins Badezimmer. Hier können Sie sich setzen. Jetzt können Sie aus diesem Ärmel schlüpfen.“
Wirkung
Wird zuerst Anschluss hergestellt und werden die nächsten Schritte klar benannt, können Menschen besser kooperieren – und leisten weniger Widerstand.
In der ambulanten Pflege arbeiten Fachpersonen oft allein und wechseln. Abläufe werden unterschiedlich erklärt oder durchgeführt. Das kann verunsichern.
Eine Klientin mit Multipler Sklerose und schwerer Osteoporose hatte grosse Angst vor dem Transfer vom Bett in den Rollstuhl.
Frühere Knochenbrüche verstärkten diese Unsicherheit.
Gleichzeitig reagierte sie auf hektische Bewegungen mit Spasmen.
Der Transfer wurde gefilmt und Schritt für Schritt analysiert.
Dabei wurde deutlich, welche Informationen der Klientin Orientierung geben und in welchem Tempo gearbeitet werden sollte.
Marte-Meo-Unterstützung
Aus der Analyse entstand eine kurze visuelle Schritt-für-Schritt-Anleitung:
Der dreiminütige Film konnte vor Einsätzen angeschaut werden und machte das Vorgehen für alle Mitarbeitenden verständlich.
Wirkung
Die Klientin fühlte sich sicherer. Auch die einzelnen Mitarbeitenden wussten klarer, wie der Transfer gelingen kann.
Menschen mit schweren Behinderungen können Bedürfnisse oft nicht mit Worten ausdrücken. Kleine Signale zu erkennen ist daher zentral.
Ein Mann mit Mehrfachbehinderung, der nicht sprechen kann, bekommt das Essen eingegeben.
Während des Essens berührt er scheinbar beiläufig den Arm der Betreuerin.
In der Analyse zeigt sich:
Diese Berührung ist kein Zufall, sondern ein Signal.
Marte-Meo-Unterstützung
Beim nächsten Essen reagiert die Betreuerin darauf. Sie benennt die Berührung und wartet mit dem nächsten Löffel, bis er ihr erneut das Zeichen gibt.
Wirkung
Der Mann bestimmt nun das Tempo des Essens selbst. Im Folgefilm ist zu sehen, wie er mit Unterstützung den Löffel mit zum Mund führt. Kleine Anpassungen ermöglichen mehr Selbstbestimmung.
Marte Meo hilft sichtbar zu machen, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind – auch wenn sie zunächst kaum erkennbar sind.
Ein Akutspital bedeutet viele Reize: neue Räume, viele Stimmen, wechselnde Fachpersonen und unerwartete Abläufe. Für Menschen im Autismus-Spektrum kann diese Reizfülle schnell zu Überforderung führen.
Während eine Pflegefachperson die Blutentnahme vorbereitet, kommt eine Kollegin ins Zimmer und das Telefon klingelt. Der Patient beginnt schneller zu atmen und klopft mit den Fingern auf das Bett.
Auf mögliche Zeichen von Überforderung achten:
schnelles Atmen, wippen, mit den Händen flattern, mit den Fingern klopfen, Gegenstände drehen, sich die Ohren zuhalten, blockiert wirken, weinen, starke Verzweiflung zeigen oder plötzlich ganz still werden.
Marte Meo Unterstützung
Hilfreich sind klare und strukturierende Elemente:
Wirkung
Klare Kommunikation und strukturierte Abläufe reduzieren Stress, verhindern Eskalationen und schaffen mehr Sicherheit für Patient:innen und Behandlungsteam.
In der Palliative Care geht es nicht um Heilung, sondern um Lebensqualität, Symptomlinderung und Würde.
Als wir als Familie meinen Vater in seiner letzten Lebensphase begleiteten, spürte ich selbst, wie hilfreich für mich Marte Meo ist – als Haltung und als Orientierung.
Auch in schwierigen Situationen lassen sich kleine Momente erkennen, die Verbundenheit und Orientierung ermöglichen.
Marte-Meo-Unterstützung
Der Leitsatz von Maria Aarts begleitete mich besonders:
„Die Probleme sind gross genug – doch wo sind noch Möglichkeiten für gute Momente?“
Im Alltag bedeutete das für mich zu schauen:
Wirkung
Gerade in dieser Lebensphase zeigt sich für mich der Kern von Marte Meo: bewusst Raum für gute Momente schaffen – bis zum Schluss.
Marte Meo kann in vielen Bereichen als unterstützende Grundhaltung genutzt werden. Grenzen zeigen sich vor allem dort, wo mit Video gearbeitet wird.
Marte Meo macht sichtbar: Entwicklung, Würde und gelingende Beziehung entstehen in kleinen Momenten des Alltags – unabhängig vom Alter. Und wer damit arbeitet, merkt: Ich kann im Alltag wirklich etwas bewirken.
Ist Marte Meo wirklich nicht nur für Kinder geeignet?
Nein. Auch wenn die Methode ursprünglich in der Elternarbeit bekannt wurde, ist ihr Kern altersunabhängig. Überall dort, wo Menschen in Beziehung stehen, kann Marte Meo unterstützend wirken – unabhängig vom Lebensalter.
In welchen Bereichen wird Marte Meo bei Erwachsenen eingesetzt?
Typische Einsatzfelder sind Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflege und Begleitung von Menschen mit Behinderung. Grundsätzlich ist die Methode aber in allen Kontexten möglich, in denen Kommunikation und Interaktion eine zentrale Rolle spielen.
Was bringt die Videoarbeit konkret?
Durch kurze Sequenzen aus dem Alltag werden gelingende Momente sichtbar. Fachpersonen oder Angehörige erkennen, welche Informationen Orientierung geben, welches Tempo passend ist und wie Selbstwirksamkeit unterstützt werden kann. Das schafft Sicherheit – für betreute Personen für Fachpersonen und die Angehörigen.
Ist Filmen immer notwendig?
Die Methode arbeitet idealerweise mit Video, da dadurch konkrete Interaktionen analysiert werden können. Wenn Filmen nicht möglich ist, können Inhalte auch anhand von Beispielvideos vermittelt werden – die individuelle Analyse der eigenen Situation entfällt dann jedoch.
Gibt es Grenzen von Marte Meo?
Ja. Videoaufnahmen setzen Einverständnis und sorgfältigen Datenschutz voraus. Belastende oder würdeverletzende Situationen werden nicht gefilmt. Zudem ersetzt Marte Meo keine medizinischen oder strukturellen Lösungen, sondern ergänzt sie auf der Beziehungsebene.
Claudia Berther ist licensed Marte Meo Supervisor und Ausbilderin mit eidgenössischem Fachausweis.
Seit 2006 bietet sie Marte Meo Aus- und Weiterbildungen in allen Stufen für Fachpersonen aus Pädagogik, Sozialem und Pflege an.
Sie ist selbst diplomierte Pflegefachfrau und Co-Autorin eines Fachbuchs zur Marte Meo Methode, erschienen im Hogrefe Verlag. Auf diesem Blog gibt sie Tipps zur gelungenen visuellen Kommunikation im Berufsalltag.
